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Mitteldeutsche Zeitung: Blaubuch 2006
Blaubuch-Autor Paul Raabe verteidigt scharfe Bauhaus-Kritik

Halle (ots)

Der Bauhaus Stiftung Dessau gelinge es nicht, das
Bauhaus als einen "Kulturellen Leuchtturm" im Bewusstsein des 
gesamten Deutschlands zu verankern, sagt der Kulturmanager und 
Bibliothekar Paul Raabe (80) im Gespräch mit der Mitteldeutschen 
Zeitung (Montag-Ausgabe). Darin verteidigt der Autor des "Blaubuches 
2006" seine scharfe Kritik an der 1994 gegründeten Stiftung, die in 
dem von der Bundesregierung herausgegebenen Leitfaden zu den 
"Kulturellen Leuchttürmen" im Osten veröffentlicht wurde. Darin wird 
die Arbeit der Kulturstätte als unzureichend und provinziell 
bezeichnet.
Dass bis heute nicht gelungen sei, eine Dauerausstellung zur 
Geschichte des Bauhauses in Dessau einzurichten, sei "schlicht 
unverständlich", sagt Raabe. "Das Bauhaus war Deutschlands 
berühmteste Schule der Moderne, es gibt keine vergleichbare deutsche 
Kulturstätte von so nachhaltiger und weltweiter Bedeutung. Davon ist 
vor Ort wenig zu bemerken: Man findet die großartigen Gebäude, mehr 
nicht." Über das langwierige Für und Wider um den Wiederaufbau des 
teilzerstörten Gropius-Wohnhauses in Dessau, sagt Raabe: "Wir haben 
nicht verstanden, wie man einen solchen Wirbel um die Rekonstruktion 
des Hauses veranstalten kann, dessen Fundament und Souterrain noch 
erhalten ist. Eine Rekonstruktion, wie sie in an anderen Orten gar 
kein Problem darstellen würde. Es geht um das Ensemble der 
Meisterhäuser, das wieder erlebbar gemacht werden muss. Das 
Gropius-Haus zu rekonstruieren, ist eine Selbstverständlichkeit. Für 
die Bauhaus Stiftung Dessau offenbar nicht." Das Gespräch mit Paul 
Raabe wurde in redaktioneller Fassung zur Verfügung gestellt.
Das Gespräch in redaktioneller Fassung:
Herr Raabe, was ist provinziell an der Stiftung Bauhaus Dessau?
Paul Raabe: Das Provinzielle besteht darin, dass es der Stiftung 
nicht gelingt, das Bauhaus in Dessau als einen "Kulturellen 
Leuchtturm" im Bewusstsein des gesamten Deutschlands zu verankern. 
Das Bauhaus war Deutschlands berühmteste Schule der Moderne, es gibt 
keine vergleichbare deutsche Kulturstätte von so nachhaltiger und 
weltweiter Bedeutung. Davon ist vor Ort wenig zu bemerken: Man findet
die großartigen Gebäude, mehr nicht.
Die lokale Wirklichkeit in Dessau, schreiben Sie, stehe der 
internationalen Erwartung entgegen. Worin besteht die Erwartung?
Raabe: Wohl darin, dass man endlich eine große Dauerausstellung 
findet, die das Bauhaus in Dessau in seiner ganzen Vielfalt und 
Wirkung präsentiert. Dass es bis heute diese Ausstellung nicht gibt, 
ist schlicht unverständlich.
Es wird immer erklärt: Das historische Haus sei als Museum schwer 
bespielbar.
Raabe: Ich bitte Sie, da gäbe es doch genug Möglichkeiten! Nein, das 
halte ich für vorgeschoben.
Es gibt ja bereits Bauhaus-Ausstellungen in Berlin und Weimar.
Raabe: Das ist durchaus richtig. In Weimar soll sogar ein 
Bauhausmuseum gegründet werden. Aber das hat mit Dessau gar nichts zu
tun, das ginge an dieser Stadt völlig vorbei. Dessau aber ist der 
entscheidende Ort, hier ist der zentrale Bauhausbau zu finden. Die 
"Ikone der Moderne" steht in Dessau, nicht in Weimar oder Berlin.
Nun entgegnet ja die Bauhaus Stiftung, es könne doch von 
Provinzialität gar keine Rede sein, wenn man als Bildungsstätte auf 
der Ebene der Stadtentwicklung so viele internationale Kontakte 
pflege.
Raabe: Ich weiß, diese Kontakte führen nach Amerika, nach Asien und 
so fort, aber sie haben doch mit der Kulturstätte Bauhaus höchstens 
mittelbar zu tun. Wir reden hier von einem Kulturellen Leuchtturm. 
Das Kulturelle steht im Mittelpunkt des Interesses, da ist das 
Wissenschaftliche zweitrangig.
Sie schreiben, in Dessau werde die eigene Vergangenheit wohl als 
Belastung empfunden. Woraus schließen Sie das?
Raabe: Nicht zuletzt aus der Diskussion um das Gropius-Wohnhaus.
Inwiefern?
Raabe: Wir haben nicht verstanden, wie man einen solchen Wirbel um 
die Rekonstruktion des Hauses veranstalten kann, dessen Fundament und
Souterrain noch erhalten ist. Eine Rekonstruktion, wie sie in an 
anderen Orten gar kein Problem darstellen würde. Es geht um das 
Ensemble der Meisterhäuser, das wieder erlebbar gemacht werden muss. 
Das Gropius-Haus zu rekonstruieren, ist eine Selbstverständlichkeit. 
Für die Bauhaus Stiftung Dessau offenbar nicht.
Nun hat inzwischen auch Sachsen-Anhalts Kultusminister eingeräumt,
das Bauhaus sei nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Region 
zu wenig sichtbar.
Raabe: Es wird überhaupt von der Fachwelt zu wenig als ein 
Kultureller Leuchtturm wahrgenommen. Im Blaubuch steht dieses Haus 
doch in einem Kontext, den müssen Sie sich einmal anschauen. Jede 
Position in der Rangliste hat ihre Bedeutung. An dieser Position 
haben wir nichts geändert. Gut, wir haben das Bauhaus um einen Punkt 
nach hinten geschoben, weil die Lutherstätten dazugekommen sind. Da 
finden Sie neben dem Bauhaus das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund, 
in dem armen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, und das Deutsche 
Hygiene-Museum Dresden: Was hat man da Hervorragendes geleistet!
Sie plädieren dafür, dass der Mietvertrag mit der Fachhochschule 
Anhalt gekündigt wird, so dass die Schule aus dem Bauhaus 
verschwindet. Warum?
Raabe: Das habe ich schon 2002 geschrieben. Dort wäre der Raum für 
die große Dauerausstellung zu finden, die dem Bauhaus als Kulturellem
Leuchtturm ein ganz anderes Gesicht und Gewicht geben würde.
Für Erstaunen hat Ihre Formulierung gesorgt, dass der Zustand 
einiger Bauhausbauten vor Ort nicht der internationalen Erwartung 
entspräche. Aber die Bauten sind doch fast alle, teilweise 
mustergültig renoviert.
Raabe: Ja, zum Glück, aber das ist nicht genug. Es geht darum, dass 
diese Bauten wieder als ein zusammenhängendes Ensemble erfahrbar 
werden müssen, und hier auch nicht nur das Bauhaus und die 
Meisterhäuser, sondern zum Beispiel auch das Gropius-Arbeitsamt in 
der Stadtmitte und die Bauhaus-Siedlung in Törten. Wer als 
Kulturtourist nach Dessau kommt, soll das erleben können.
Halten Sie eine "Rote Liste" für einen gefährdeten 
Leuchtturm-Status für sinnvoll?
Raabe: Das weiß ich nicht, das steht jetzt auch gar nicht zur 
Debatte. Bei aller Kritik am Bauhaus, befinden sich doch sämtliche 
Leuchttürme zurzeit im Aufwind. In der Klassik Stiftung Weimar gab es
große Probleme, da wird jetzt aufgeholt. Genauso bei den Museen im 
Grassi in Leipzig.
Hat Ihre scharfe Kritik Folgen für die Bundeszuwendung für das 
Bauhaus?
Raabe: Nein, das wäre auch schlimm. Es geht darum, wie wir es im Buch
formuliert haben: Der Stiftungsrat soll die heutige Mischung aus 
Historie, Weltgeltung und Provinzialität einmal selbstkritisch 
überdenken.
Wann erscheint das nächste Blaubuch?
Raabe: Nicht vor einem Termin in fünf
Jahren. Und dann auch nicht mehr mit mir.
Wie es dann mit dem Blaubuch weitergeht? Das
würde ich auch einmal gern wissen. Da wäre
ein klares Wort vom Kulturstaatsminister Neumann
fällig.

Pressekontakt:

Rückfragen bitte an:
Mitteldeutsche Zeitung
Chefredakteur
Jörg Biallas
Telefon: 0345/565-4025

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