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Landeszeitung Lüneburg: VW-Gesetz wurde zum Stolperstein für Wiedeking -- Interview mit Prof. Dr. Stefan Bratzel

Lüneburg (ots)

Der künftige integrierte VW-Konzern mit seinen
zehn Marken ist auf dem besten Weg, zum größten Autohersteller der 
Welt zu werden. Nicht mit an Bord ist Wendelin Wiedeking. Das Ende 
der Ära des einstigen Vorzeigemanagers begann, als das neue VW-Gesetz
die starke Stellung des Landes Niedersachsen bei VW zementierte. 
Wiedekings größter Fehler war, dass er sicher war, dass das VW-Gesetz
kippen wird. ,,Damit stürzte das Kartenhaus zusammen", sagt der 
Experte für Automobilwirtschaft, Prof. Dr. Stefan Bratzel, im 
Gespräch mit unserer Zeitung.
Passen VW und Porsche nur gut zusammen oder gehören beide auch 
historisch zusammen?
Prof. Dr. Stefan Bratzel: Die Unternehmen passen sehr gut zusammen 
und profitieren wechselseitig voneinander. In den vergangenen Jahren 
hat Porsche sehr stark von den Produktentwicklungen bei VW 
profitiert. Das ist schon ein Hauptgewinn, der dadurch noch verstärkt
werden kann, dass Porsche in den VW-Konzern integriert wird. Das 
erhöht die Möglichkeit zu Produkt"synergien noch weiter. Natürlich 
muss in einem integrierten Konzern dafür gesorgt werden, dass Porsche
genug Freiheiten und Unabhängigkeit behält, damit die Marke keinen 
Schaden nimmt.
Also analog zur Marke Audi?
Bratzel: Richtig. Das Beispiel Audi zeigt, dass dies möglich ist.
Glauben Sie, dass Porsche nach einer Eingliederung in den 
VW-Konzern weiter einer der profitabelsten Autohersteller der Welt 
bleiben wird?
Bratzel: Ich denke schon, dass das möglich ist -- wenn auch nicht in 
der Größenordnung der vergangenen beiden Jahre, wo Porsche extrem 
hohe Renditen erzielte. Die Traumrendite des vergangenen 
Geschäftsjahres resultierte allerdings sehr stark aus den guten 
Finanzgeschäften des Unternehmens. Porsche kann aber auch in Zukunft 
hoch profitabel sein und gute Renditen erzielen, wenn dem 
Sportwagenhersteller eine große Unabhängigkeit gewährt wird.
Nach dem Einstieg Porsches im September 2005 stieg der Kurs der 
VW-Aktie von 44 auf dauerhaft deutlich über 200 Euro. Das bescherte 
Porsche in den Folgejahren höhere Gewinne als Umsätze. Nun ist diese 
,,Bilanzblase" geplatzt. Kann Porsche in den kommenden Jahren nur 
noch dann viel Geld verdienen, wenn die Modellpalette ausgeweitet 
wird?
Bratzel: Weiteres Wachstum ist wichtig für Porsche. Der hohe 
Markenwert Porsches kann genutzt werden für weitere Modelle. Man muss
innerhalb eines VW-Konzerns aber aufpassen, dass die Überschneidungen
in der Produktpalette nicht zu groß sind und die Marke Porsche nicht 
überdehnt wird. Die zuletzt horrend hohen Renditen, als der Gewinn 
höher war als der Umsatz, wird man aber in naher Zukunft nicht mehr 
erreichen können.
Ist der im Vergleich zu Daimler oder BMW sehr hohe VW-Aktienkurs 
angesichts der großen Widerstandsfähigkeit gegen die Autokrise 
gerechtfertigt?
Bratzel: Grundsätzlich muss man sagen, dass VW in der weltweiten 
Absatzkrise eine hohe Widerstandsfähigkeit bewiesen hat. Zum Teil 
liegt das am Glück, zum Teil aber auch am Geschick des Managements. 
Glück deshalb, weil man noch nicht in den Märkten so aktiv ist, die 
am stärksten zusammengebrochen sind -- dazu zählt vor allem der 
US-Markt. Geschick, weil man sich langfristig an Wachstumsmärkte 
gebunden hat und dort einen hohen Marktanteil hat -- wie etwa in 
China. Der Aktienkurs ist jedoch sehr stark auch spekulativ 
angeheizt.
Wendelin Wiedeking hatte in einem Interview gesagt, dass die 
Übernahme von VW durch Porsche seine Idee gewesen und Ferdinand Piëch
eingeweiht gewesen ist. Unterschätzte Wiedeking Piëchs Ego?
Bratzel: Ich bin sicher, dass Herr Piëch ebenso in die Pläne 
eingeweiht war wie Herr Porsche. Nach dem Motto ,,Ein Sieg hat viele 
Gesichter" hätte Wiedeking keine Probleme gehabt, wenn seine Pläne 
gut ausgegangen wären. Nun aber steht er als Manager da, der große 
Fehler gemacht hat. Dazu zählt, dass man sich bei Porsche in einigen 
Punkten verkalkuliert hat.
Unterschätzte der einstige Vorzeigemanager den Einfluss des Landes
Niedersachsen und der IG Metall bei VW?
Bratzel: Auf jeden Fall. Es war ein großer Fehler Wiedekings, den 
Einfluss der IG Metall, der Betriebsräte von Volkswagen, des Landes 
Niedersachsen mit dem Aufsichtsratsmitglied Christian Wulff und auch 
die Auswirkung der unterschiedlichen Unternehmenskultur unterschätzt 
zu haben. Der größte Fehler aber war, dass man sicher war, dass das 
VW-Gesetz kippen wird. Als sich abzeichnete, dass das Gesetz vorerst 
Bestand haben wird und damit kein Porsche-Beherrschungsvertrag bei VW
möglich ist, stürzte das Kartenhaus zusammen.
Hat Wiedeking mit zu offenen Karten gespielt, als er andeutete, 
über einen Beherrschungsvertrag in die prall gefüllte VW-Kasse 
greifen zu wollen, um so den Kauf der VW-Aktien zu refinanzieren?
Bratzel: Nein. Aber man kann Wiedeking vorwerfen, dass er 
grundsätzlich nicht mit offenen Karten gespielt hat. So kam am Ende 
das Gefühl auf, dass es sich um eine feindliche Übernahme handelt. 
Das hat letztlich das Klima zwischen Porsche und Volkswagen 
vergiftet.
Hat das VW-Gesetz auf Dauer eine Chance gegen den Widerstand der 
EU-Kommission?
Bratzel: Das muss man abwarten, denn es gibt bei den Experten in der 
Bundesregierung und in der EU-Kommission sehr unterschiedliche 
rechtliche Einschätzungen. Auf Dauer dürfte es aber schwierig sein, 
das VW-Gesetz zu halten.
Befürworten Sie den Einstieg Katars bei VW und Porsche?
Bratzel: Grundsätzlich ist es so, dass jeder Investor, jeder 
Stakeholder, der zu einem Unternehmen hinzukommt, gewisse 
Entscheidungs- und Verhandlungsprozesse verlangsamt. Sollte Katar 
rund 20 Prozent übernehmen, wäre der VW-Konzern zwar nicht mehr 
ausschließlich in europäischer Hand. Aber grundsätzlich kann man 
gegen arabische Investoren nichts einwenden, denn es handelt sich um 
langfristig denkende Investoren, mit denen vieles möglich ist.
Welche Motive stecken hinter einem Einstieg Katars?
Bratzel: Früher war klar: Arabische Investoren suchen langfristige 
Anlagen und wollen das angelegte Geld auch gut verzinst sehen. Doch 
meistens hielten sich die Investoren zurück und mischten sich nicht 
in strategische Fragen des Unternehmens ein. Doch in den vergangenen 
Jahren gab es einen Wandel. Die Araber setzen zunehmend auf neue 
Technologien und wollen vom Know- how profitieren, damit sie bis zum 
Ende des Erdöl-Zeitalters zukunftssichere wirtschaftliche Strukturen 
aufgebaut haben.
Das heißt, Katar hat wirklich ein langfristiges Interesse?
Bratzel: Ja. Das belegen aber auch schon andere Investoren etwa aus 
Kuwait und Abu Dhabi. Sie sind nicht am schnellen Geld interessiert, 
sondern an einer soliden, langfristigen Verzinsung ihres 
Kapitaleinsatzes.
Wie groß sind die Chancen, dass der VW-Konzern zum größten 
Autohersteller der Welt wird?
Bratzel: Wenn keine Fehler gemacht werden, sind die Chancen in der 
Tat recht gut. Es ist natürlich ein hehres Ziel, nicht nur einmal 
kurzfristig die Spitze zu erobern, sondern sich über mehrere Jahre 
als weltgrößter Hersteller zu behaupten. Doch der VW-Konzern hat die 
besten Voraussetzungen dazu -- wenn er weiter daran arbeitet, seine 
Prozesse zu verschlanken. Wenn er seine Flexibilität, die er erst in 
den vergangenen Jahren entwickelt hat, beibehält. Und wenn weiterhin 
eine gute strategische Planung angelegt wird, in der nach einem 
Baukastenprinzip die Entwicklungen der verschiedenen Marken 
vorangetrieben werden.
Meinen Sie mit Flexibilität auch die Modellpalette? Allein die 
Marke Volkswagen will in den kommenden beiden Jahren mehr als 20 neue
Modelle herausbringen.
Bratzel: Sicher, das gehört dazu. Aber mit Flexibilität meine ich 
auch das Reagieren auf Probleme, die entstehen können. So kommt es in
der derzeitigen Krise wesentlich darauf an, die Kosten schnell den 
neuen Gegebenheiten anzupassen. Flexibel muss man auch in der 
Produktion sein. Wer eine Vielzahl neuer Modelle herausbringen will, 
muss dies auch managen können -- sowohl von der 
produktionstechnischen Seite als auch von der Produktentwicklung her.
Nur wer all diese Fähigkeiten beherrscht, kann die Spitzenposition 
erobern und behaupten.
Das Interview führte Werner Kolbe

Pressekontakt:

Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

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