Woche der Demenz: Frühe Diagnose eröffnet neue Möglichkeiten bei Alzheimer
Spezialsprechstunde am UKGM in Gießen bietet ausgewählten Patientinnen und Patienten eine neue Therapieoption
Gießen (ots)
Demenz ist keine einzelne Erkrankung. Verschiedene Krankheiten können dazu führen, dass Gedächtnis, Orientierung, Sprache oder andere geistige Fähigkeiten nachlassen. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Erkrankung. Sie macht rund 60 bis 70 Prozent aller Demenzfälle aus. Für Menschen mit einer früh diagnostizierten Alzheimer-Erkrankung gibt es inzwischen erstmals Medikamente, die das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen können.
Alzheimer, auch Morbus Alzheimer genannt, ist eine fortschreitende und bislang nicht heilbare Erkrankung des Gehirns. Dabei kommt es unter anderem zu krankhaften Veränderungen von Eiweißen im Gehirn. Es entstehen unter anderem sogenannte Amyloid-Plaques (Eiweißablagerungen). Diese Veränderungen beeinträchtigen die Funktion von Nervenzellen; im weiteren Krankheitsverlauf gehen Nervenzellen und ihre Verbindungen zunehmend verloren.
"Oft sind es nicht die Betroffenen selbst, sondern die Angehörigen, denen erste Symptome einer Demenzerkrankung auffallen", sagt Privatdozentin Dr. Anne Mrochen, Oberärztin der Klinik für Neurologie am UKGM in Gießen. Sie leitet die Spezialambulanz für kognitive Störungen, Demenzen und Kleingefäßerkrankungen. Zu den typischen Symptomen gehören zunächst vor allem Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und Schwierigkeiten, neue Informationen zu behalten. Im weiteren Verlauf können Orientierungsprobleme, Wortfindungs- und andere Sprachstörungen hinzukommen. Auch Persönlichkeit, Verhalten und Stimmung können sich verändern. Mit zunehmendem Fortschreiten der Erkrankung fällt es Betroffenen immer schwerer, alltägliche Tätigkeiten wie Kochen, Anziehen oder die Organisation des eigenen Tages selbstständig zu bewältigen.
Frühzeitige und gesicherte Diagnose als Voraussetzung
Bei Symptomen einer Demenz führt der Weg zunächst zum niedergelassenen Neurologen. "Ergibt sich hier ein Verdacht auf eine mögliche Alzheimererkrankung, kommen die Patientinnen und Patienten zu uns und werden in unserer spezialisierten Gedächtnissprechstunde umfassend untersucht und beraten. Dabei arbeiten wir im Team zusammen mit den Kollegen und Kolleginnen der Neuropsychologie", erklärt Dr. Mrochen. Zur Diagnostik gehören unter anderem neuropsychologische Tests, mit denen die kognitiven Fähigkeiten differenziert erfasst werden. Eine Magnetresonanztomographie (MRT) hilft dabei, andere mögliche Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Zudem wird das Nervenwasser (Liquor) untersucht. Die Neurologin: "Im Liquor können wir sogenannte Biomarker finden, die helfen, die Diagnose einer Alzheimer-Erkrankung abzusichern."
Zwei neue Medikamente können Krankheitsverlauf verlangsamen
Mit den inzwischen zugelassenen Antikörper-Therapien stehen erstmals zwei Medikamente zur Verfügung, die bei geeigneten Patientinnen und Patienten das Fortschreiten einer Alzheimer-Erkrankung verlangsamen können.
Eine Behandlung mit den neuen Antikörper-Therapien bei Alzheimer kommt allerdings nicht für alle Betroffenen infrage. Voraussetzung ist unter anderen ein frühes Stadium der Erkrankung und bestimmte genetische Faktoren bei den Erkrankten. Denn sie können das Risiko für Nebenwirkungen der Therapie erhöhen und werden deshalb vor einer Behandlung untersucht.
Die Medikamente werden als Infusion verabreicht. Die Dauer der Therapie ist individuell. Während der Behandlung sind regelmäßige MRT-Untersuchungen notwendig, um mögliche Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen.
Der mit der Therapie verbundene organisatorische und zeitliche Aufwand, sowie mögliche Nebenwirkungen machen eine umfassende Aufklärung und Beratung von Betroffenen und Angehörigen umso wichtiger. "Genau darauf liegt auch unser Augenmerk in der Gedächtnissprechstunde", erklärt die Oberärztin. "Vor diesem Hintergrund entscheiden sich nicht alle Patientinnen und Patienten, die infrage kommen, für die Therapie."
Von den neuen therapeutischen Möglichkeiten ist die Neurologin dennoch fest überzeugt: "Es ist ein Türöffner für die Forschung zu Therapien bei Demenz. Meiner Meinung nach ist das erst der Anfang. Dennoch bleibt es aber eine ganz individuelle Entscheidung des jeweiligen Patienten, der Patientin und gerade deshalb ist eine umfassende Aufklärung so wichtig."
Die Spezialambulanz der Gießener Uniklinik für Neurologie befasst sich neben der Diagnostik und Therapie bei Alzheimer mit dem gesamten Spektrum von Demenzerkrankungen, die sich hinsichtlich ihrer Ursachen, Symptome und ihres Verlaufs unterscheiden.
Hintergrund zur Woche der Demenz:
Die Woche der Demenz macht bundesweit auf die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen aufmerksam. Sie soll dazu beitragen, über Demenzerkrankungen zu informieren, Berührungsängste abzubauen und die Bedeutung einer frühzeitigen Diagnose und guten medizinischen sowie sozialen Versorgung hervorzuheben
Das Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) mit seinen 86 Kliniken und Instituten an den beiden Standorten Gießen und Marburg ist das drittgrößte Universitätsklinikum Deutschlands. Seit Februar 2006 trägt die RHÖN-KLINIKUM AG zu 95 Prozent die Verantwortung als Betreiber dieses privatisierten Universitätsklinikums. www.ukgm.de
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