Römischer Sensationsfund in Simmering
Wien (ots)
Die Entdeckung eines frührömischen Massengrabes mit rund 150 Individuen ist ein in Europa einzigartiger Fund und birgt möglicherweise einen Schlüssel zur Gründungsgeschichte Wiens
Im Zuge der Sanierung des Sportplatzes (Ostbahn-XI-Platz) in Simmering Hasenleitengasse 49 durch die MA 51 – Sport Wien stieß die Baufirma Ende Oktober 2024 auf eine große Ansammlung menschlicher Überreste. Nach den wissenschaftlichen Untersuchungen unter der Leitung der Stadtarchäologie Wien in Zusammenarbeit mit dem archäologischen Dienstleister Novetus GmbH. wurden heute im Wien Museum erste Forschungsergebnisse und Hypothesen präsentiert.
„Auf römische Spuren zu treffen, darauf ist man in Wien stets gefasst, sobald man Pflaster oder Erdreich öffnet: schließlich legte Vindobona den Grundstein unserer Stadt. Dank zahlreicher archäologischer Grabungen auf dem Gebiet des heutigen Wiens verfügt man bereits über großes Wissen, und dennoch führen Funde immer wieder zu neuen und überraschenden Erkenntnissen. So ist es dem großartigen Team der Stadtarchäologie Wien möglich, die Geschichte dieser Stadt immer feiner nachzuzeichnen. Eine wahre Sensation ist in dieser Hinsicht der Fund eines römischen Massengrabs in Simmering. Dieses einzigartige Zeugnis lässt uns aus einer anderen Perspektive auf die Anfänge unserer Stadtgeschichte blicken und verdeutlicht einmal mehr, wie sinnvoll Ausstellen, Bewahren und Forschen in öffentlichen Museen ineinandergreifen,“ freut sich Veronica Kaup-Hasler, Wiens amtsführende Stadträtin für Kultur und Wissenschaft.
Frühe Skelettfunde aus dem europäischen Teil des Römischen Reich sind äußerst selten. Denn die Römer praktizierten hier bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. die Feuerbestattung. Umso dramatischer ist die Entdeckung eines römischen Massengrabs mit Knochenfunden von rund 150 Individuen.
„Im Römischen Reich gab es strenge Bestattungsrituale und auch für die Zeit nach dem Tod mussten genaue Regeln eingehalten werden. Da zu der Zeit um 100 n. Chr. in den europäischen Teilen des Römischen Reiches Feuerbestattungen üblich waren, stellen Körperbestattungen eine absolute Ausnahme dar. Funde von römischen Skeletten aus dieser Zeit sind daher äußerst selten“, erläuterte Kristina Adler-Wölfl, Leiterin der Stadtarchäologie.
Die Individuen waren ohne erkennbare Ordnung oder Ausrichtung bestattet. Die ersten anthropologischen Untersuchungen bestimmen sie als ausschließlich männlich, vorwiegend zwischen 20 und 30 Jahren, meist über 1,7 m groß, mit wenigen Hinweisen auf Infektionskrankheiten und einer sehr guten Zahngesundheit. Als Todesursache konnten Verletzungen durch Waffen, wie Lanzen, Dolche, Schwerter und Geschoßbolzen festgestellt werden. Die zahlreichen unterschiedlichen Verletzungen deuten auf ein Kampfgeschehen hin.
„Aus der Anordnung der Skelette und da es sich um rein männliche Überreste handelt, kann ausgeschlossen werden, dass der Fundort in Verbindung mit einem Lazarett oder dergleichen steht oder dass eine Seuche die Todesursache war. Die Verletzungen an den Knochen sind eindeutig auf Kampfhandlungen zurückzuführen“, bekräftigte Michaela Binder, leitende Anthropologin von Novetus GmbH.
Dass es sich um das katastrophale Ende eines militärischen Einsatzes handelt, bestätigen auch die im Grab gefundenen Objekte, ein Dolch, mehrere Schuppen eines Schuppenpanzers, eine Wangenklappe eines Helms, Lanzenspitzen sowie Schuhnägel. Der eiserne Dolch wurde zum Schlüsselfund für die Datierung und kulturhistorische Einordnung des Massengrabes:
„Seine Fragmente waren aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes schwer einzuordnen. In der Röntgenaufnahme der Dolchscheide erkennt man jedoch sofort charakteristische römische Verzierungen. Es sind Einlegearbeiten aus Silberdraht, durch die sich der Dolch in die Zeit zwischen Mitte des 1. und Anfang des 2. Jahrhunderts n. Chr. datieren lässt“, erklärte Christoph Öllerer, stellvertretender Leiter der Stadtarchäologie.
Der Fund ist der erste direkte Nachweis eines Schlachtgeschehens am Donaulimes, das bisher nur über historische Quellen belegt werden konnte. Diese berichten, dass es Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. an der Donaugrenze des Römischen Reiches unter Kaiser Domitian (81-96) immer wieder zu Kämpfen mit Germanen kam (Donaukriege 86 bis 96 n Chr.). Unter Kaiser Trajan (98-117) begann deshalb wenige Jahre später der Ausbau der massiven Befestigungslinie, des Donaulimes.
„Das Massengrab in Simmering ist der erste physische Beleg für Kampfhandlungen aus dieser Zeit, und weist auf die Lokalisierung einer Schlacht im Gebiet des heutigen Wiens hin. Das hier bezeugte Ereignis könnte somit ein Anlass für den Ausbau des vormals kleinen Militärstützpunkts zum Legionslager Vindobona – keine sieben Kilometer vom Fundort entfernt – gewesen sein. Womöglich eröffnet uns die Hasenleitengasse somit den Anfang der urbanen Geschichte Wiens“, führte Martin Mosser, Archäologe der Stadtarchäologie, weiter aus.
Der Erstpräsentation am 2. April folgen nun vertiefende Untersuchungen: „Das Wiener Team steht mit seinen Forschungen noch ganz am Anfang. In weiterer Folge werden im Rahmen eines internationalen, fachübergreifenden Forschungsprojektes weitere Untersuchungen zu den menschlichen Skelettresten und den Fundgegenständen durchgeführt werden. Besonders DNA- und Isotopenanalysen lassen auf spannende Ergebnisse zur Herkunft und den Lebensbedingungen der in der Hasenleitengasse bestatteten Soldaten hoffen“, soMichaela Kronberger, Kuratorin des Wien Museums.
Presseinformationen und Pressefotos sowie Bewegtbildmaterial finden Sie hier.
Pressekontakt:
Wien Museum
Konstanze Schäfer
Telefon: +436645457800
E-Mail: konstanze.schaefer@wienmuseum.at
Anne Katrin Feßler
Mediensprecherin StRin Mag.a Veronica Kaup-Hasler
+43 1 4000 - 811 91
annekatrin.fessler@wien.gv.at
Original-Content von: Wien Museum, übermittelt durch news aktuell