Reindustrialisierung tritt in Europa und den USA in selektivere, strategischere Phase ein
Berlin (ots)
- Reindustrialisierung[1] wird zum Mainstream: 73 Prozent der großen europäischen und US-amerikanischen Unternehmen verfügen mittlerweile über eine Strategie oder arbeiten an einer solchen - ein Anstieg gegenüber 59 Prozent im Jahr 2024.
- Geplante Investitionen sollen innerhalb der nächsten drei Jahren bei knapp 2,5 Billionen US-Dollar liegen; im Jahr 2025 lag der Wert noch bei 4,7 Billionen US-Dollar, was auf eine Verlagerung hin zu selektiveren, kapitaleffizienteren Modellen hindeutet.
- Langfristige strategische Vorteile überwiegen kurzfristige Einsparungen: 86 Prozent der Unternehmen legen bei ihren Entscheidungen den Schwerpunkt auf Marktzugang und die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette.
- KI wird zu einem zentralen Faktor für die Umsetzung der Reindustrialisierung; 87 Prozent der Unternehmen planen in KI und andere fortschrittliche Technologien zu investieren, um die Kosten in Verbindung mit der Reindustrialisierung zu reduzieren.
Die Reindustrialisierung ist in eine reifere, diszipliniertere Phase eingetreten, da Unternehmen eine stärkere Kontrolle über Abhängigkeiten anstreben und gleichzeitig wirtschaftliche Tragfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit aufrechterhalten wollen. Laut Ausgabe 2026[2] des Capgemini Research Institute-Berichts "The resurgence of manufacturing: Reindustrialization strategies in Europe and the US", verfügen mittlerweile fast drei Viertel der großen europäischen und US-amerikanischen Unternehmen über eine entsprechende Strategie oder sind dabei, eine solche zu entwickeln. Dabei wird eine klare Verlagerung hin zu resilienten und kontrollorientierten Betriebsmodellen widergespiegelt. Gleichzeitig sind die geplanten Reindustrialisierungsinvestitionen für die nächsten drei Jahre stark zurückgegangen, was eher auf einen pragmatischeren und selektiveren Ansatz bei der Kapitalallokation hindeutet als auf geringere Ambitionen. Unternehmen passen nun ihre Produktions- und Lieferkettenpräsenz an, um kritische Abhängigkeitsrisiken zu begrenzen und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit durch hybride Strategien im Inland, im Nearshore- und Friendshore-Bereich zu erhalten, die zunehmend durch Automatisierung und KI ermöglicht werden.
Die Auswirkungen der Reindustrialisierung sind nicht in allen Sektoren gleich. Am ausgeprägtesten ist der Wandel in produktionsintensiven und strategisch kritischen Branchen wie der Automobilindustrie, Elektronik, der Halbleiterindustrie sowie der Luft- und Raumfahrt und der Verteidigungsindustrie, wo Abhängigkeitsrisiken, Risiken in der Lieferkette und Überlegungen zum Marktzugang am akutesten sind. Diese Branchen treiben den Übergang von einer groß angelegten Expansion hin zu selektiveren, technologiegestützten Industriemodellen voran.
"Angesichts wachsender geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten tritt die Reindustrialisierung in eine neue, reifere Phase ein - klar ausgerichtet auf Resilienz, Souveränität und langfristige Wettbewerbsfähigkeit", sagt Dr. Michael Schulte, CEO von Capgemini Engineering und Mitglied des Group Executive Boards von Capgemini. "Reindustrialisierung bedeutet heute, regional ausgewogene Ökosysteme aufzubauen, die kritische Abhängigkeiten reduzieren. Dies geht einher mit einem pragmatischen Investitionsansatz, der flexiblere und kapitaleffizientere Modelle fördert. Die Zielrichtung ist eindeutig - der Erfolg wird jedoch von der Umsetzung abhängen: von Entscheidungen mit Fokus auf langfristigen Erfolg sowie vom konsequenten Aufbau digitaler und personeller Grundlagen für nachhaltige industrielle Stärke."
Mit zunehmender Reife der Strategien zeichnen sich vielfältige regionale Wege ab
Die Umfrage von 2026 zeigt, dass Unternehmen zunehmend vielfältige, hybride Reindustrialisierungsansätze bevorzugen. Sie sind auf regionale Gegebenheiten zugeschnitten, anstatt sich auf ein einziges Modell zu konzentrieren. Dies zeigt sich insbesondere an der Bedeutung von Friendshoring in Kontinentaleuropa. Es wird von 64 Prozent der Unternehmen genannt wird und markiert eine klare Verlagerung hin zu Fertigungs- und Lieferketten bei Verbündeten zur Steuerung strategischer Abhängigkeiten.
Reshoring-Aktivitäten in den USA nehmen zu: Fast die Hälfte (48 %) der Unternehmen investiert, gegenüber 30 Prozent im Jahr 2025, während weiterhin beachtliche 42 Prozent in Nearshoring investieren. Innerhalb Europas geht das Nearshoring gegenüber dem Niveau von 2025 zurück (von 55 % auf 39 %), während das Reshoring moderater zunimmt (von 34 % auf 42 %), was strukturellen Kostendruck und regulatorische Komplexität widerspiegelt.
Die Unternehmen stellen gemäß Studienergebnissen ihr Engagement in China neu auf, gleichzeitig verstärken sie ihre Präsenz in Indien, dicht gefolgt von Vietnam, Mexiko und Kanada. Das unterstreicht eine umfassendere Neugestaltung globaler Lieferketten rund um diversifizierte Ökosysteme unterstreicht. Auch die USA ziehen vermehrt ausländische Investitionen an, wobei eine große Mehrheit (fast 85 %) der in der EU ansässigen Unternehmen in die US-Fertigung investiert, um vom direkten Marktzugang zu profitieren und die Handelspolitik zu meistern. Gleichzeitig planen rund zwei Drittel der Unternehmen (64 %), ihre Investitionen in China in den nächsten drei Jahren beizubehalten oder zu erhöhen, was eine pragmatische Neuausrichtung der Betriebsabläufe und Lieferketten über Branchen und Märkte hinweg unterstreicht.
Selektive Investitionen und langfristiger Wert haben Vorrang vor skalierungsorientierter Expansion
Unternehmen in unkritischen Branchen bevorzugen zunehmend flexiblere Alternativen, um den Zugang zu industriellen Kapazitäten vom Besitz von Anlagen und Greenfield-Projekten zu entkoppeln. Sie wenden sich zunehmend Modellen wie Multi-Produkt-Fertigungsanlagen, Partnerschaften in der Auftragsfertigung und gemeinsamer Infrastruktur zu, um strategische Kontrolle zu bewahren und gleichzeitig die Kapitalintensität zu begrenzen.
Die Studie stellt ferner fest, dass Entscheidungen zur Reindustrialisierung aus einer ganzheitlicheren wirtschaftlichen Perspektive bewertet werden. Eine klare Mehrheit der Unternehmen gibt an, dass die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette Entscheidungen zur Reindustrialisierung rechtfertigt, verbunden mit hohen Erwartungen an das Umsatzwachstum in den nächsten drei Jahren. Fast acht von zehn Unternehmen gehen davon aus, dass Skaleneffekte die Stückkosten im Laufe der Zeit senken werden, was eine Verlagerung hin zu langfristigem strategischem Wert gegenüber kurzfristigen Einsparungen unterstreicht.
Technologie, insbesondere KI, wirkt als Katalysator
Technologie spielt eine immer größere Rolle bei der nachhaltigen Umsetzung einer effektiven Reindustrialisierung. Die Studie stellt fest, dass eine große Mehrheit (87 %) der Unternehmen plant, in fortschrittliche Fertigungstechnologien zu investieren, insbesondere in KI, Automatisierung und digitale Zwillinge. Höhere Produktionskosten in der Nähe der Endmärkte sollen so ausgeglichen werden.
KI, einschließlich generativer und agentischer KI, wird als unerlässlich angesehen, um die Effizienz zu steigern. Anwendungsfälle, die für die Umsetzung entscheidend sind, konzentrieren sich auf Bereiche wie Produktionsplanung und -optimierung, Risikomodellierung in der Lieferkette sowie Standortauswahl, wo KI eine schnellere und fundiertere industrielle Entscheidungsfindung direkt unterstützt.
Der Fachkräftemangel bleibt jedoch für eine große Mehrheit ein häufiges Hindernis bei der Ausweitung der Reindustrialisierung. Dies gilt insbesondere bei Kompetenzen in den Bereichen fortschrittliche Fertigungstechnik, Automatisierung, KI und digitale Technologien, was die Notwendigkeit unterstreicht, den Technologieeinsatz mit der Transformation der Belegschaft in Einklang zu bringen.
Methodik
Vom 2. Januar bis zum 3. Februar 2026 befragte das Capgemini Research Institute 1.208 Führungskräfte in Unternehmen mit einem Jahresumsatz von über 1 Milliarde US-Dollar (bzw. 500 Millionen US-Dollar im Verteidigungssektor) in den USA, Großbritannien und Kontinentaleuropa (Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, den nordischen Ländern und Spanien). Die befragten Unternehmen sind in 13 Schlüsselbranchen tätig. Die befragten Führungskräfte sind auf Direktorenebene tätig und arbeiten in verschiedenen geschäfts-, technologie- und fertigungsbezogenen Funktionen. Zusätzlich zur Umfrage befragte das Capgemini Research Institute auch Führungskräfte und Experten aus den Bereichen Lieferkette und Fertigung in großen globalen Unternehmen.
Die Ergebnisse wurden durch umfangreiche Sekundärrecherchen validiert, wobei Informationen bis zum 26. März 2026 einbezogen wurden; spätere Änderungen sind möglicherweise nicht berücksichtigt.
Studienband zum Donwload: https://ots.de/XyuqET
Definitionen der im Bericht verwendeten Schlüsselbegriffe:
- Friendshoring: Verlagerung eines Teils der Fertigungs-/Produktions-/Lieferantenbasis/Dienstleister in Länder, die geopolitische oder Handelspartner des Heimatlandes des Unternehmens sind
- Nearshoring: Verlagerung eines Teils der Fertigungs-/Produktions-/Lieferantenbasis/Dienstleister in ein nahegelegenes oder benachbartes Land.
- Reshoring: Rückverlagerung eines Teils der Fertigungs-/Produktions-/Lieferantenbasis/Dienstleister zurück in den Binnenmarkt des Landes mit dem Unternehmenshauptsitz.
Über Capgemini
Capgemini ist ein globaler Partner für die KI-gestützte Geschäfts- sowie Technologietransformation. Das Unternehmen schafft messbaren Mehrwert für seine Kunden, indem es die Zukunft von Organisationen gestaltet und im Zusammenspiel von KI, Technologie sowie dem Mensch Realität werden lässt. Seit fast 60 Jahren steht Capgemini für Verantwortung wie auch Vielfalt und beschäftigt über 420.000 Mitarbeitende in mehr als 50 Ländern. Das End-to-End-Leistungsspektrum gründet auf einer umfangreichen Branchenexpertise, einem starken Partner-Ökosystem sowie Kompetenzen in den Bereichen Strategie, Technologie, Design, Engineering und Operations. Die Gruppe erzielte 2025 einen weltweiten Umsatz von 22,5 Milliarden Euro.
Make it real | www.capgemini.com/de
[1] Reindustrialisierung gemäß der Definition im Bericht: Neugestaltung globaler Lieferketten und Fertigungskapazitäten, oft mit dem Ziel, diese näher an die heimischen Märkte heranzuführen.
[2] Die weltweite Umfrage wurde zwischen Januar und Februar 2026 durchgeführt. Die Ergebnisse wurden durch umfangreiche Sekundärrecherchen validiert, wobei Informationen bis zum 26. März 2026 einbezogen wurden; spätere Änderungen sind möglicherweise nicht berücksichtigt.
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