Zu nett zum Führen? Helge Schräder erklärt, warum der Wunsch nach Harmonie Teams ausbremst
Duisburg (ots)
Wer es als Führungskraft allen recht machen will, verliert schnell die eigene Linie. Gerade angestellte Führungskräfte und Unternehmer merken oft zu spät, dass Rücksicht, Sonderregeln und aufgeschobene Gespräche kein gutes Miteinander schaffen, sondern Verbindlichkeit kosten. Führungscoach Helge Schräder ordnet ein, warum ein gutes Miteinander klare Grenzen braucht und weshalb Führungskräfte dafür nicht strenger, lauter oder distanzierter werden müssen.
Auf den ersten Blick scheint im Team alles zu laufen: Die Aufgaben werden erledigt, niemand beschwert sich offen und größere Konflikte bleiben aus. Genau deshalb greifen viele Führungskräfte zu spät ein. Sie merken zwar, dass einzelne Situationen nicht rund laufen, reden sich die Lage aber noch eine Weile schön. Aus Rücksicht wird Abwarten, aus Abwarten wird Gewohnheit. Irgendwann ist nicht mehr die einzelne Situation das Problem, sondern das Muster dahinter. „Viele Führungskräfte merken erst spät, dass kurzfristige Harmonie langfristig Respekt, Leistung und Verantwortung im Team kostet“, sagt Helge Schräder.
„Nettigkeit ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn Führungskräfte aus Nettigkeit aufhören, klar zu führen“, macht Helge Schräder deutlich. Als Führungscoach arbeitet er mit angestellten Führungskräften und Unternehmern, die genau an diesem Punkt stehen: Sie wollen menschlich bleiben, aber nicht länger alles laufen lassen. In seinem Führungscoaching geht es deshalb nicht darum, härter aufzutreten oder eine fremde Rolle zu spielen. Entscheidend ist, die eigene Führungsrolle klarer anzunehmen, Grenzen früher zu setzen und Gespräche so zu führen, dass aus gut gemeinter Rücksicht nicht dauerhaft fehlende Verbindlichkeit wird.
Wenn Rücksicht zur Ausrede wird: Warum Harmoniebedürftigkeit Führung schwächt
Der Wunsch nach einem guten Miteinander ist nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn daraus Ausweichen wird. Dann werden Erwartungen ausgesprochen, aber nicht eingefordert. Regeln stehen im Raum, werden aber beim ersten Widerstand aufgeweicht. Schwierige Themen sind bekannt, bleiben aber liegen, weil die Stimmung nicht kippen soll. „Viele Führungskräfte wollen niemanden vor den Kopf stoßen und merken nicht, dass sie genau dadurch ihre eigene Klarheit verlieren“, bringt Helge Schräder es auf den Punkt. Für Mitarbeitende entsteht daraus eine klare Botschaft: Was gesagt wird, muss nicht unbedingt gelten. Wer stark genug dagegenhält, bekommt vielleicht eine Ausnahme. Wer Grenzen überschreitet, erlebt nicht zwingend Folgen. Und wer Verantwortung zurückgibt, kann häufig damit rechnen, dass die Führungskraft am Ende doch einspringt.
Dahinter steckt meist kein böser Wille. Viele Führungskräfte wollen gemocht werden, keine schlechte Stimmung erzeugen und ihr Team nicht unnötig belasten. Im Alltag führt genau das aber oft dazu, dass Aufgaben selbst übernommen, Fehler stillschweigend korrigiert und unangenehme Gespräche weitergeschoben werden. Kurzfristig bleibt dadurch Ruhe im Team. Langfristig verlieren Führungskräfte Einfluss, weil Mitarbeitende lernen, dass Grenzen verhandelbar sind und Verantwortung nicht zwingend bei ihnen bleiben muss. Aus Nettigkeit entsteht dann kein gutes Miteinander, sondern ein Muster, das Leistung, Eigenverantwortung und Respekt im Team schwächt.
Klare Führung: Warum Grenzen keine Härte sind
Ein häufiger Denkfehler in der Führung lautet: Wer klar wird, muss automatisch strenger, distanzierter oder unangenehmer auftreten. Genau deshalb formulieren viele Führungskräfte Kritik vorsichtiger als nötig oder warten auf den perfekten Moment. Der kommt im Alltag aber selten. Während die Führungskraft noch überlegt, wie sie das Thema möglichst angenehm anspricht, läuft das Verhalten im Team weiter. „Klarheit ist kein Angriff. Sie zeigt Mitarbeitenden erst einmal, woran sie sind“, stellt Helge Schräder klar. Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Gespräch für alle angenehm bleibt, sondern ob es sauber geführt wird. Dazu gehört, konkret zu benennen, welches Verhalten problematisch ist, welche Folgen es hat und was künftig erwartet wird.
Gerade bei Fehlverhalten ist frühes Ansprechen wichtig. Themen werden nicht kleiner, nur weil sie liegen bleiben. Wer zu lange wartet, spricht oft erst dann, wenn innerlich schon Ärger entstanden ist. Dann wird aus einem sachlichen Führungsgespräch schnell eine unnötig scharfe Ansage, die vorher vermeidbar gewesen wäre. Klare Führung bedeutet deshalb, Grenzen rechtzeitig zu setzen und Kritik nicht persönlich zu machen. Es geht nicht darum, Mitarbeitende abzuwerten, sondern Verhalten einzuordnen und Verantwortung wieder dorthin zu geben, wo sie hingehört. Eine Führungskraft kann menschlich bleiben und trotzdem klar sagen, was nicht mehr funktioniert.
Zu viele Ausnahmen im Team: Wenn Rücksicht unfair wird
Gerade Unternehmer mit Teams geraten schnell in die Falle, ihr Unternehmen Schritt für Schritt um einzelne Mitarbeiterwünsche herumzubauen. Hier eine Ausnahme bei der Arbeitszeit, dort eine Sonderregel bei Aufgaben, an anderer Stelle wird ein Verhalten durchgehen gelassen, weil man die Person nicht verlieren will. Im Einzelfall wirkt das oft menschlich und lösungsorientiert. Auf Dauer entsteht daraus aber ein Problem: Der gemeinsame Rahmen wird unklar. Gute Mitarbeitende merken sehr genau, wenn Regeln nicht für alle gleich gelten oder schwierige Kollegen immer wieder geschont werden. „Wer aus Rücksicht ständig Ausnahmen macht, schützt nicht das Team. Er belastet am Ende oft genau die Mitarbeitenden, die zuverlässig arbeiten“, sagt Helge Schräder.
Deshalb müssen Führungskräfte unterscheiden, was wirklich verhandelbar ist und was zur Führungsverantwortung gehört. Nicht jeder Wunsch aus dem Team muss erfüllt werden, nur weil die Führungskraft menschlich bleiben will. Und nicht jede Ausnahme ist automatisch Wertschätzung. Manchmal ist sie nur der bequemere Weg, einem unangenehmen Nein auszuweichen. Genau dadurch verlieren Regeln an Gewicht. Mitarbeitende brauchen keine Führungskraft, die alles möglich macht, sondern jemanden, der nachvollziehbar entscheidet, Grenzen erklärt und den gemeinsamen Rahmen hält. Erst dadurch entsteht Fairness im Team.
Klare Führung im Alltag: Was sich verändert, wenn die eigene Linie steht
Der entscheidende Schritt liegt für viele Führungskräfte nicht darin, strenger, lauter oder distanzierter zu werden. Entscheidend ist, die eigene Rolle klarer anzunehmen. Wer jedes unangenehme Gespräch vermeidet, jede Ausnahme ermöglicht und jede Aufgabe auffängt, führt am Ende nicht mehr bewusst, sondern reagiert nur noch. Genau hier setzt Helge Schräder in seinem Führungscoaching an. Führungskräfte und Unternehmer klären mit ihm, wo sie aus echter Wertschätzung handeln und wo sie aus Unsicherheit nachgeben. Sie arbeiten daran, schwierige Gespräche früher zu führen, Erwartungen klarer auszusprechen und Grenzen so zu setzen, dass sie im Alltag auch gehalten werden. Dabei geht es nicht um theoretische Führungsmodelle, sondern um konkrete Situationen aus dem eigenen Team: Was muss angesprochen werden? Wo wurde zu lange nachgegeben? Welche Verantwortung muss wieder beim Mitarbeitenden bleiben? „Führung wird nicht besser, weil man sich verstellt. Sie wird besser, wenn man klarer wird und diese Klarheit auch unter Druck beibehält“, bringt Helge Schräder auf den Punkt.
Für das Team verändert sich dadurch vor allem eines: Es wird eindeutiger, woran es sich orientieren kann. Mitarbeitende wissen klarer, was gilt, welche Verantwortung bei ihnen liegt und welche Regeln nicht jedes Mal neu verhandelt werden. Gleichzeitig entlastet sich die Führungskraft, weil sie weniger nacharbeiten, weniger auffangen und weniger stillschweigend ausgleichen muss. Der eigene Führungsstil bleibt dabei erhalten. Es geht nicht darum, eine fremde Rolle zu spielen, sondern menschlich zu bleiben und trotzdem verbindlich zu führen. Genau darin liegt der Nutzen klarer Führung: weniger Reibung, mehr Eigenverantwortung und ein Team, das nicht nur gut miteinander auskommt, sondern verlässlich arbeitet.
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