Zentralrat Deutscher Sinti und Roma
Romani Rose: Erinnerung ist kein leeres Ritual, sondern eine Verantwortung für die Gegenwart
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„80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald ist der Antiziganismus wieder die größte Gefahr für Sinti und Roma in Deutschland“, sagte der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose bei der Gedenkveranstaltung auf dem Ettersberg bei Weimar.
Vor 80 Jahren, am 11. April 1945, wurden die wenigen überlebenden Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald befreit. An diesem Ort, an dem Tausende von Menschen gequält und umgebracht wurden, ermordeten die Nazis auch mehrere Hundert Sinti und Roma. Insgesamt waren rund 3.500 Sinti und Roma in Buchwald inhaftiert.
Mit der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager endete zwar der Zweite Weltkrieg, die menschenverachtende NS-Ideologie gegen Sinti und Roma lebte jedoch durch die ehemaligen Täter weiter. Erneut nahmen sie in deutschen Polizei- und Sicherheitsbehörden hohe Positionen ein und setzten den Antiziganismus und damit die Kriminalisierung der Minderheit mit Verweis auf ihre Abstammung weiter fort. Um das Diskriminierungsverbot in unserer Verfassung in Art. 1, 2 und 3 des Grundgesetzes zu umgehen, verwendeten die deutschen Polizeibehörden nun als Erfassungskriterium Synonyme wie „Landfahrer“, „Mobile ethnische Minderheit“ oder „HWAO“ (häufig wechselnder Aufenthaltsort).
Diesen fortgesetzten Antiziganismus bezeichnete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 2022 als zweite Verfolgung gegenüber Sinti und Roma. Diese Ausgrenzung und Verfolgung sind keineswegs beendet.
„So erfasst die Staatsanwaltschaft Osnabrück unter der Bezeichnung „Clankriminalität“ wieder Familien von Sinti und Roma und deren Kinder. Dies erinnert uns auf erschreckende Weise an die NS-Täter, die ihre kriminalpräventiven Maßnahmen gegen Sinti und Roma mit der sogenannten ‚Abstammungskriminalität‘ begründeten und die totale Erfassung unserer Minderheit mit Genealogien und ‚Rasseakten‘ vom Kleinkind bis zum Greis betrieben. Das Landgericht Braunschweig hat erst vor wenigen Tagen ein Urteil wegen Volksverhetzung gegen eine Bloggerin und Influencerin aus der rechtspopulistischen Szene kassiert, die unsere Minderheit auf abscheuliche Weise verunglimpft hat. Entscheidungen wie die des Vorsitzenden Richters des Landgerichts Braunschweig, Stamer, der damit einen Freibrief für antiziganistische Hetze ausgestellt hat und unsere Minderheit erneut ohne Schutz lässt, machen uns fassungslos vor dem Hintergrund unserer Geschichte“, so der Zentralratsvorsitzende der Deutschen Sinti und Roma, Romani Rose.
Romani Rose betonte: „Der erschreckende Anstieg antiziganistischer Gewalt, die sich im Abschlussbericht der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) für 2023, mit 1.233 registrierten Fällen im Vergleich zum Vorjahr, nahezu verdoppelt hat, unterstreicht die
große Gefahr, die von dieser spezifischen Form des Rassismus gegenüber unserer Minderheit ausgeht.“
Der jetzt aus dem Amt ausscheidende Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung Mehmet Daimagüler betonte, „dass rund ein Viertel der registrierten 502 Fälle von Diskriminierung von staatlichen Institutionen ausgingen“.
80 Jahre nach der Befreiung von Buchenwald ist der Antiziganismus wieder eine große Gefahr, nicht nur für in Deutschland lebende Sinti und Roma. Er stellt einen Angriff auf unseren demokratischen Rechtsstaat dar.
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